2017
Gemeinschaftsprojekte und sozialer Wohnungsbau

Was war der Grund/die Herausforderung für das Projekt?

Unser Mietshaus mit über 30 Mietparteien in der Seumestraße 14 liegt im Berliner Bezirk Friedrichshain. Die Gentrifizierung ging mitten durch unser Haus: AltmieterInnen in unsanierten Wohnungen wohnen Tür an Tür mit neuen MieterInnen in frisch sanierten Wohnungen. Nur wenig Kontakt hatten wir untereinander – zu unterschiedlich waren unsere Lebenswelten. Doch dann erfuhren wir, dass unser Haus verkauft und zum Renditeobjekt werden sollte. Die Sorge darüber, dass wir alle unser Zuhause verlieren könnten, hat große Solidarität untereinander freigesetzt.

Denn in unserer Gegend werden Wohnungen immer seltener als Orte angesehen, die Menschen ein Zuhause geben. Stattdessen gelten sie oft als Wertanlagen, in denen MieterInnen, die im ständigen Preiskampf um Wohnraum nicht mithalten können, nur stören. Die gezielte Entmietung ganzer Wohnblöcke, die im Anschluss luxussaniert und neu vermietet werden, sowie die Verdrängung einkommensschwacher Schichten sind die Folge. Und so konkurrieren verarmte RentnerInnen mit freischaffenden Künstlern oder SozialhilfeempfängerInnen mit Alleinerziehenden um die letzten Räume, die noch bezahlbar für sie sind.

Wir wollten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen und entschieden uns für den Schritt in die Selbstverwaltung. Es gelang uns, unseren Vermieter zu überzeugen, das Mietshaus nicht an einen Investor zu verkaufen. Stattdessen erwarben wir es selbst – mit Hilfe der Edith-Maryon-Stiftung und der Triodos Bank.

Jetzt wohnen wir selbstbestimmt in unserem Mietshaus im Verbund des Mietshäuser Syndikats, deren Vermieter wir selbst sind. Den Boden nutzen wir in Erbpacht und von den Mieten zahlen wir den Kredit bei der Triodos Bank nach und nach ab.

Wie beantworten Sie diese Herausforderung durch Ihr Projekt?

Wir haben ein Modell gefunden, in dem alle alten MieterInnen in der Seumestraße 14 wohnen bleiben können und gleichzeitig über alle Prozesse und Veränderungen, die das Haus betrifft, in Zukunft mitentscheiden können. Dies schließt zum Beispiel ein, dass bei Neuvermietung BewerberInnen mit geringem Auskommen bevorzugt werden. Letztere sind auf dem Berliner Wohnungsmarkt zurzeit stark benachteiligt.

Das Projekt selbst ist eine gelungene Antwort, wie wir finden, auf die Spekulation mit Wohnraum. Und so wurde aus der Sorge um unser Zuhause und aus einer anonymen Nachbarschaft eine Hausgemeinschaft, die miteinander ins Gespräch gekommen ist. Menschen, die über keine großen finanziellen Mittel verfügen, können jetzt mitbestimmen, wie und wo sie wohnen. Wir werden weiterhin ein Mietshaus bleiben, in dem aber die Mieter das Sagen haben. Wir sind nun gleichzeitig Mieter und Vermieter. Wir haben sowohl ein Interesse daran, dass das Finanzierungskonzept stabil ist als auch daran, dass der Wohnraum nicht dazu genutzt wird, einen möglichst hohen Profit zu erzielen. Stattdessen soll der Wohnraum einen möglichst hohen Nutzwert und eine hohe Lebensqualität für alle im Haus bieten.

Welche Bedeutung hat die Triodos Bank für Sie?

Wenn man ein Projekt wie unseres startet, sitzt man recht schnell bei verschiedenen Banken, um Kreditangebote einzuholen. Dabei haben wir oft in verdutzte Gesichter konservativ denkender Angestellter geschaut, die uns nicht finanzieren wollten.

Für Investoren ist es aufgrund ihres Eigenkapitals und unterschiedlicher Sicherheiten, die sie vorweisen können, meist verhältnismäßig leicht, Kredite zu bekommen. Für bunt gemischte Mieterschaften ohne großes Einkommen – der in die Jahre gekommene Gebrauchtwagen vor der Türe ist das Teuerste, was sie besitzen – sieht das leider ganz anders aus.

Wir sind deshalb sehr froh, dass die Triodos Bank Deutschland sich unser Finanzierungskonzept unvoreingenommen angeschaut, mit uns durchgeplant und uns schließlich einen Kredit gewährt hat. Er ermöglichte es uns, das Haus über unseren Verein in Zusammenarbeit mit dem Mietshäuser Syndikat und der Edith-Maryon-Stiftung zu erwerben und damit in die Selbstorganisierung der MieterInnen zu überführen.

Für uns war es skurril, auf einmal mit Millionenbeträgen umzugehen, die für den Hauskauf nötig waren. Niemand von uns kannte so etwas oder dachte, irgendwann mal im Leben damit konfrontiert zu sein. Die Zusammenarbeit mit der Triodos Bank und ihr kritischer Blick auf die Finanzen hat uns dabei den Rücken gestärkt.

Welche Bedeutung hat das Projekt auf dem Sektor, in dem Sie tätig sind?

Wir beraten inzwischen viele weitere Hausgemeinschaften in Friedrichshain und in anderen Berliner Bezirken, wie es gelingen kann, sich selbst organisiert als Mietshaus zu kaufen und im Verbund mit dem Mietshäuser Syndikat (oder anderen Strukturen wie einer Genossenschaft) erschwinglichen Wohnraum zu erhalten. Das erworbene Wissen während des Hauskaufs und unserer Organisierung einer Mieterschaft kann so weitergegeben werden. Wir sind über 30 Mietparteien und viele von uns wachsen im Organisierungsprozess auch mehr und mehr hinein in die Hausverwaltung, das Wissen und die Verantwortung, die ein solches Projekt mit sich trägt. Wir wünschen uns, dass eine kleine Vorbildwirkung von der Seume14 ausgehen kann und mehr MieterInnen sich organisieren und um ihr Recht auf Wohnen kämpfen.

Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Ihr Projekt?

Wohnraum soll keine Ware sein. Darin waren sich alle Mieter bei uns im Haus einig. Das klingt etwas platt, aber es meint schließlich nur, dass wir es in unserm gesellschaftlichen Grundverständnis für unabdingbar halten, dass neben der Gesundheit des Menschen und zu seiner Unversehrtheit auch ein Recht auf bezahlbaren Wohnraum zählt.

Wenn es gelingen würde, eine politische Macht der MieterInnen durch solche Projekte wie unser selbstverwaltetes Mietshaus zu stärken, könnten vielleicht unter einem öffentlichen Druck „von unten“, von Seiten der MieterInnen, der Verwertungslogik auf dem Immobilienmarkt Schranken gesetzt und eine andere Logik und ein anderes gesellschaftliches Verständnis entgegengesetzt werden, wie wir in urbanen Räumen miteinander wohnen und leben wollen.

Wie sehr sehen Sie, dass die Triodos Bank Ihre Vision teilt?

Wir haben uns bei dem waghalsigen Unterfangen durch die Triodos Bank versiert und mit viel ehrlichem Engagement unterstützt gefühlt. Wenn es der Triodos Bank sinnvoll erscheint, demnächst noch weitere Projekte dieser solidarischen Entprivatisierung von Immobilien zu unterstützen und so Mietshäuser dem Spekulationsmarkt zu entziehen, um zeitgleich eine Absicherung von Wohnraum zu ermöglichen, fänden wir das fantastisch. Das Mietshäuser Syndikat und die Edith-Maryon-Stiftung könnten tolle Partner werden.